O.D. - schonmal gehört

O.D. – schonmal gehört? Wenn ja, gehören Sie zu einem kleinen Kreis kundiger Menschen. Die Ostner-Werke Dresden produzierten sehr gute Motorräder, um später auf Kleintransporter umzuschwenken. Das ist eine eigenartige Entwicklung, die aber zeitgeschichtlich völlig verständlich ist. Heute sind Zwei-, Drei- und Vierräder von O.D. fast völlig verschwunden. Aber hin und wieder taucht mal eines auf und verblüfft das Publikum mit seiner durchdachten Konstruktion.

Sachsen steckt voller Wunder. Voll fahrzeugtechnischer Wunder jedenfalls – das dachte sich Wilhelm Ostner im Jahr 1919, als er sich an der Technischen Hochschule in Dresden einschrieb. Gebürtig 1889 in Neuwied, hatte er vor dem Kriegsdienst unter anderem bei Minerva in Antwerpen gearbeitet und betrieb mit seinem Bruder im Jahr1923 in Dresden eine kleine Fahrradfabrik.

Ende 1926 kaufte er Haus und Grundstück Bürgerstraße 56 in Dresden-Pieschen, wo er im Hinterhaus ab 1927 unter der Markenbezeichnung O.D. (mitunter auch Ostner Dresden) die serienmäßige Herstellung von Motorrädern aufnahm. Als typischer Konfektionär der Zwischenkriegsjahre kaufte Ostner seine Motoren zu – allerdings gab es JAP und Bark, Motosacoche oder Küchen auch bei der Konkurrenz. Ostner musste seine Motorräder daher auf andere Art profilieren, und tatsächlich erwarb sich O.D. einen guten Ruf für ausgezeichnete Verarbeitung, unterstrichen durch allerlei Rennerfolge, die unter anderen der Bruder Carl Ostner einfuhr.

Neben schnellen Maschinen folgte O.D. dem steigenden Transportbedarf der Zwanziger und bot bald Beiwagen an, auch speziell für den Gütertransport. Der große Trend der Zeit waren allerdings Dreiräder für den kleinen Lieferverkehr. Eine ganze Reihe von Herstellern brachte Liefer-Dreiräder heraus, Tempo in Hamburg zum Beispiel, Gutbrod in Plochingen und nicht weit von Dresden, in Zittau und Frankenberg, stellten Phänomen und die jungen Framo-Werke solche Fahrzeuge her.

Die Vorteile lagen auf der Hand: Diese frühen Transporter waren einfacher in der Handhabung als ihre Konkurrenz, die Pferdegespanne, dazu leistungsfähiger. Sie kommen mit kleinen Motoren aus – oft mit Einzylinder-Zweitaktern von knapp 200 ccm Hubraum, was sie von der Steuer befreite. Von der Konstruktion her sind sie äußerst einfach gehalten, mit einem Minimum an Instrumenten (manche verzichteten sogar auf ein Lenkrad) und extrem simpel konstruiert: Kettenantrieb aufs Vorderrad, Seilzugbremsen an der Hinterachse, mehr brauchts nicht.

Willy Ostner erkannte das Potential leichter Nutzfahrzeuge und stellte 1932 den ersten O.D.-Lieferwagen vor, ein Zehnzentner-Dreirad mit Vorderradantrieb, dessen 6-PS-Ilo unverkleidet über dem Rad saß. In seinen Grundzügen glich dieser erste O.D.-Transporter den Konkurrenzprodukten, einzig beim Fahrwerk zeigte sich der Motorradbau: Das Vorderrad wird mit einem kräftigen Federbein abgestützt, und hinten hat der O.D. wahrhaftig Einzelradaufhängung in Gestalt einer Querblattfeder mit Schräglenkern. Damit dürften die O.D.-Dreiräder eine überdurchschnittliche Straßenlage entwickelt haben.

Es ist niemals weise am Fahrwerk zu sparen, das wusste Willy Ostner von seinen Motorrädern. Mit Einzelradaufhängung war er auch auf der Höhe der Personenwagentechnik – folgerichtig experimentierte O.D. mit Kombi- und Cabriolimousinen. Ob sich daraus nennenswerte Verkäufe ergaben, ist leider nicht überliefert. Ostner entwickelte jedenfalls seine Dreiräder weiter, während er die Motorradfertigung zurückfuhr.

1934 erhielten sie den stolzen Beinamen „Rex“, dazu ein Typkürzel – es gab nämlich jetzt drei Motoren zur Auswahl: der 200-Kubik-Typ L205 als Basis, ergänzt durch den L250 mit 7 PS und einen Zweizylinder mit 12 PS – dieser Typ L405 hat stolze 750 Kilo Nutzlast, bei einem Eigengewicht von einer halben Tonne. Ein Hurth-Dreiganggetriebe mit Rückwärtsgang gehört immer dazu. Offensichtlich lag Ostner mit diesem Konzept genau richtig, denn 1936 stellte er die Motorradfertigung ein.

Das schuf zwar Platz in der kleinen Halle in der Bürgerstraße, genügte aber noch immer nicht. Deshalb erwarb Ostner in dieser Zeit die Gebäude der ehemaligen Tafelglaswerke in der Zuger Straße, Brand-Erbisdorf, und verlagerte die Produktion. Als Firmenadresse blieb weiterhin das Stammhaus notiert, mit großer Wahrscheinlichkeit diente es als Kundendienstzentrum, denn O.D. dürfte seine Lieferwagen vor allem in Dresden und Umgebung verkauft haben.

1937 stellte O.D. einen Eintonner vor, den Typ F670 „Rex 4“ mit vier Rädern. Die Dreiräder kamen mit einem Zentralrohrrahmen aus, der Vierradwagen besaß einen stabilen Leiterrahmen aus Doppel-T-Trägern mit Kreuzverstrebung. Der Motor kam von DKW, ein luftgekühlter Zweizylinder von 15 PS, der die Vorderachse antrieb. Ab 1938 konnte man den Rex 4 auch mit Ford-Vierzylinder und 25 PS bekommen. Die Einzelradaufhängung blieb Serienstandard.

Zu diesem Zeitpunkt waren alle O.D.-Dreiräder hübsch anzusehen dank eines langen Radstandes und der flott gestalteten Haube. Manche Quellen berichten von einer beachtlichen Gesamtauflage von 4000 Rex-Lieferwagen bis Kriegsbeginn, was durchaus im Bereich des Möglichen wäre. Einige davon gingen ins Ausland, offenbar bestellte die ungarische Armee 800 Stück Rex 4 mit Ford-Motor.

Was O.D. während des Krieges herstellte, ist nicht bekannt. Das Werk kam 1952 in Treuhandbesitz und wurde später zur Keimzelle der trefflichen Dieselameise. Willy Ostner mochte jedoch sein Schicksal nicht in sowjetische Hände legen und gründete das O.D.-Werk in Sulzbach-Rosenberg in der Oberpfalz neu. 1949 legte er den Eintonner mit Ford-Motor wieder auf und versuchte, seine Marke am Leben zu erhalten. 1954 kam der Eineinhalbtonner Rex D mit IHC-Diesel, allein es half nichts, auf dem westdeutschen Transportermarkt herrschte VW unumschränkt. 1955 drückten die Schulden allzu sehr, Willy Ostner musste an die fränkischen FAUN-Werke verkaufen, die sich damit ein Transporter-Standbein schafften.

Willy Ostner starb am 16. Februar 1959 in Sulzbach-Rosenberg und fand später keine nennenswerte Würdigung. Das ist schade, denn seine Konstruktionen hatten Hand und Fuß: Die wenigen erhaltenen Motoräder werden von ihren Besitzern geliebt, gelobt und nie wieder hergegeben. Von Ostners Lieferwagen sind nur noch ganz wenige bekannt.

Dann entrümpelten die Aktiven des Fördervereins Naturpark Niederlausitzer Heidelandschaft e.V. im Frühjahr 2010 die Gerätehalle einer ehemaligen LPG in Plessa und entdeckten – tja, was denn bloß? „Hersteller OD Werke – Baujahr 1935“ steht auf dem Typenschild.

Es ist ein L405 mit Ilo-Zweizylinder und Kastenaufbau, von deutlichen Spuren der Zeit geprägt, dabei aber nicht heruntergekommen. Die Laderampe weist darauf hin, dass der Wagen zuletzt als Viehtransporter diente – an der rechten Seite gibt es eine Tür, die aber von innen verplankt wurde. Warum hat man ihn stillgelegt? Das Vorderrad steht auf der Felge, vielleicht war kein Reifen in der richtigen Größe 5.00-16 zu bekommen.

Auf jeden Fall wanderte der O.D. rechtzeitig in seine stille Ecke. Das einzig fehlende Teil neben dem Reserverad scheint der Bügel zu sein, der die Spitzen der seitlichen Motorverkleidungen verband. Selbst die Antriebskette hängt am Motor. Das Dach über der Fahrerkabine wurde vor langer Zeit durch ein grobes Sacktuch ersetzt, über dem Kasten sitzt noch das originale Kunstleder. Kurios erscheint die Hinterradaufhängung, dort finden sich neben dem serienmäßigen Paar Querblattfedern je ein Paar Spiralfedern an jedem Rad. Wurde mit diesen Federn das Fahrwerk nachträglich verstärkt oder war es eine Werksoption?

Ein paar Geheimnisse wird dieses Auto bewahren, so wie jeder richtige Scheunenfund. Viel braucht es nicht, um den O.D. wieder betriebsfähig zu machen – seine wunderbare Patina sollte man ihm auf jeden Fall lassen. Eine Erinnerung an Willy Ostners Werk immerhin gibt es neuerdings wieder: An der Giebelfassade des O.D.-Stammhauses in der Dresdner Bürgerstraße prangt wieder das schöne O.D.-Logo.

Till Schauen

 

Text erschienen in "Auto & Motorrad Oldtimer" 01/2011, mit freundlicher Genehmigung des Autors.